Der schiefe Turm

Geschrieben von schimi am 10. März 2009 | Demokratie

Ich finde es wieder einmal erschreckend, wie in Österreich, kaum dass eine Situation etwas schwieriger wird, sich jeder selbst am nächsten ist, und nur für die eigenen, kurzfristigen Ziele kämpft. Ich sags ganz offen als Kritik an Lehrer und Eltern/Schüler gerichtet: Kämpft für ein besseres Bildungssystem, aber bitte mit den richtigen Mitteln, und an den richtigen Stellen!

Zwei Dinge will ich dafür zunächst einmal voran stellen, die in sich zugegebener Maßen durchaus auch diskussionswürdig wären, die ich aber hier trotzdem einfach mal als meine persönliche Meinung festhalten will: 1. Nein, die Erhöhung der Lehrer-Arbeitszeit in den Klassen um 2 Stunden ist mit Sicherheit keine Maßnahme für ein besseres Bildungssystem. Und ich denke auch Ministerin Schmied hält sie nicht für so eine. Es ist eine klare Einsparungsmaßnahme, die dem Ministerium Geld bringen soll, das an anderer Stelle leider fehlt. Nun kann man natürlich darüber diskutieren (und das wird in den kommenden Tagen auch geschehen), ob es nicht noch bessere Einsparungsvorschläge gibt. Ad-hoc ist es verglichen mit Entlassungen, größeren Klassen, noch schlechterer Infrastruktur etc. aber nicht unbedingt der Schlechteste. 2. Ministerin Schmied leistet meiner Meinung nach seit sie im Amt ist gute Arbeit. Das ist natürlich eine sehr pauschale Formulierung, und solche Formulierungen sind in der Regel daher auch äußerst unpopulär. Trotzdem würde ich mich in Verbindung mit der aktuellen Diskussion trauen diese Meinung abzugeben, und ungefähr so zu argumentieren: Drei wesentliche Eigenschaften machen eine/n gute/n MinisterIn aus: Er/Sie muss mit einem Budget umgehen können. Diese Qualifikation hat sie wohl schon allein auf Grund ihrer vorangegangenen Karriere. Er/Sie muss von der Materie etwas verstehen. Hier zeichnet sich Ministerin Schmied meiner Meinung nach dadurch aus, dass sie sich auch wirklich etwas sagen lässt, von Experten, und auch aus dem Ausland. Und drittens, eine Art politisches Kommunikationstalent. Mag sein, dass ihr das noch am ehesten in Abrede gestellt wird. Aber solange sie keine Wahlen zu schlagen hat, und zumindest in direkter Kommunikation mit ihrem Umfeld scheinbar nicht ganz unfähig ist, kann ich darauf auch noch am ehesten verzichten. Im Vergleich zu unseren anderen Ministern macht sie das insgesamt meiner Meinung nach zu einer der Besten (vielleicht der Besten?) MinisterInnen die wir derzeit haben. Besser mit Sicherheit, als jene von denen man garnichts hört, besser als jene, die ihr Ministerium quasi nur “verwalten”, von denen man also immer dasselbe hört, und besser als jene, von denen man fast jede Woche eine Schreckensnachricht vernimmt. Ich finde, bei allen Fehlern die man nunmal macht, kann man ihr ein gewisses Engagement in ihrem Bereich wirklich Dinge verändern zu wollen nicht absprechen. Und das ist schon viel wert.

Mit diesen beiden Annahmen im Hinterkopf, kommen wir zurück zur aktuellen Diskussion. Was passiert also, nachdem Ministerin Schmied eine unpopuläre Maßnahme verkündet: Es wird gemauert. Von politischer Seite wird der Sündenbock mit einer glatten Lüge dem Unterrichtsministerium zugeschoben. Plötzlich ist dem Finanzminister von einer derartigen Vereinbarung nichts bekannt. Die Präsentation dieser Maßnahme und das daraus folgende Kreuzfeuer der Kritik wird gänzlich den anderen überlassen. Ob von vornherein eiskalt so geplant, oder doch erst in letzter Sekunde abgesprungen, sei dahingestellt. Die feine englische Art ist es jedenfalls nicht, und auch wenn hier Wort gegen Wort steht, so ist es doch zu leicht durchschaubar, wer hier von einer Lüge mehr profitiert, und bei wem es kaum Sinn ergeben würde.

Die andere Seite, die Lehrergewerkschaft, reagiert programmgemäß ebenfalls mit mauern. Nein, mit uns nicht. Keine Einsparungen in unserem Bereich. Die Gewerkschaft reagiert eben, wie sie reagieren muss. Ein Computer, den man schon vorher mit den passenden Antworten pauschal füttern kann. Doch nun kommen wir zum springenden Punkt: Opfer der gewerkschaftlichen Attacken ist nicht etwa der Finanzminister, der nunmal für Einsparungsmaßnahmen zuständig ist, sondern die Bildungsministerin, die versucht das Beste aus der Situation zu machen. Gegenvorschlag, wie und wo man denn nun einsparen könnte, kommt bislang hingegen keiner. Schlimmer noch: Argumentiert wird unter anderem damit, dass die Lehrer ohnehin schon unter nicht zumutbaren Bedingungen arbeiten müssen. Das stimmt. Doch hier beisst sich die Katze in den Schwanz: Eben um die vielen Missstände angehen zu können, die es zweifellos gibt, ist es vielleicht auch nötig an der einen oder anderen Stelle etwas einsparen zu müssen, ob es einem gefällt oder nicht.

Von Elternseite höre ich bislang in erster Linie den Wunsch, doch bitte auf gewerkschaftliche Kampfmaßnahmen zu verzichten, weil die Kinder sonst einen Tag unbeaufsichtigt bleiben. Sorry Eltern, auch wenn ich damit als nicht einfühlsam für gewisse Lebenssituationen gelte, aber bei solchen Aussagen kann ich mir nur an den Kopf greifen: Hat hier irgendwer verstanden, worum es geht? Um ein größeres Ziel, das “big picture”?

Zu allem Überfluss mischt sich dann natürlich auch noch die Ex-Ministerin ein. Erste Gelegenheit die unliebsame Nachfolgerin, die nicht müde wird zu betonen, dass es im heimischen Bildungswesen hinten und vorne kracht, zu kritisieren…ergriffen! “Das gibt es ja auf der ganzen Welt nicht, dass jemand mehr arbeiten soll und dafür weniger Geld bekommt.” muss ich da lesen. Moment! Weniger Geld? Frau Gehrer bezieht sich dabei auf die Überstunden, die Lehrer derzeit scheinbar verrichten, und von denen in Zukunft nun quasi die ersten beiden wie Normalarbeitsstunden bezahlt werden würden. Das kommt mir irgendwie aus einem eigenen, persönlichen Arbeitsvertrag bekannt vor. Irgendwie ergibt der Vorschlag von Ministerin Schmied dadurch für mich sogar noch mehr Sinn. Und “mehr arbeiten”? Hat es nicht geheissen, es soll sich hierbei um eine Umschichtung handeln, also 2 Stunden mehr in der Klasse, 2 Stunden weniger zuhause?

Ich weiß, an dieser Stelle erfolgt der Aufschrei der Lehrer. 2 Stunden mehr in der Klasse, bedeuten ja x Stunden mehr Vorbereitungszeit. Und ich weiß auch, dass das stimmt. Aber folgender kleiner Vergleich muss einfach gestattet sein: Wenn mein Chef zu mir kommt und sagt, wir brauchen dich in Zukunft 2 Stunden mehr im Laden vorne, lass die Buchhaltung da hinten liegen, dann werd ich das nicht nur machen, nein es ist auch das normalste auf der Welt! Es ist nicht unbedingt eine Entscheidung, die ich gut heisse, oder die mich freut. Und ja, ich werde auch meine Angst und meine daraus folgenden Streitereien mit dem Chef haben, ob ich tatsächlich was weglassen kann, oder ob es dadurch zu Mehrarbeit kommt. Aber gleichzeitig: Zum Arbeitsleben gehört es dazu, passiert jeden Tag, überall…

Überall? Vielleicht kommen wir jetzt dem Kern der Sache schon etwas näher. Ich darf an dieser Stelle zunächst eine Lanze für die Lehrer brechen. Nein, die Lehrer sind nicht alle so schlimm wie ihr Image. Das ist sicher ein Problem. Nein, die Lehrer sind auch nicht 1:1 mit der Lehrergewerkschaft gleichzusetzen. Es gibt sie tatsächlich, die guten Lehrer. Ich kenne persönliche Beispiele. Ich kenne Mathematik-, Deutsch- und Fremdsprachen-Lehrer, die arbeiten 60 Stunden die Woche, für einen mageren Gehalt, vor allem die Jungen. Tatsache. Das Vorbereiten der Stunden, das Korrigieren der Hausaufgaben, das Vorbereiten und Korrigieren der Schularbeiten etc. nimmt ein Vielfaches der Stunden in der Klasse ein. Vorrausgesetzt, der Lehrer will ein gewisses Niveau erreichen, ist wirklich mit Begeisterung und Professionalität bei der Arbeit. Doch ich kenne auch die anderen: Wenn ich an meine Geographie-, Geschichte-, Leibesübungen-, Bildnerische Erziehung-, Werk-, Religions- und Physik-Lehrer zurück denke: Nein, sorry, niemand kann mir erzählen, dass sich manche davon auch nur eine Stunde pro Unterrichtsstunde auf uns vorbereitet hätten. Und wenn doch, dann gibts da umso massivere, andere Qualitätsprobleme.

Was ich sagen will ist: Natürlich gibt es solche und solche. Doch wenn die Lehrer eine ernsthafte, konstruktive und vor allem exakte (so wie in vielen anderen Berufen eben auch) Diskussion über die Arbeitsstunden, die zuhause gemacht werden führen wollen, dann müssen sie sich nicht nur der entsprechenden Qualitätssicherung stellen, nein es ist sogar unumgänglich, in ihrem eigenen Interesse, diese Milchmädchenrechnungen endlich aufzugeben, und sich exakten Evaluierungen zu stellen.

Doch hier schließt sich der Kreislauf leider wieder: Denn wen gibt es denn, der diese (und die unzähligen weiteren) Forderungen zur Verbesserung des Bildungswesens als Lobby vertritt und dafür kämpft? Die Lehrergewerkschaft? Die kämpft dafür, dass alles so bleibt wie es ist. Die “anderen” Lehrer, die die etwas verbessern wollen? Die haben keine offizielle Vertretung, die gibt es daher als Gruppe garnicht. Die Eltern? Die müssten es sein, wir alle sollten uns für ein besseres Bildungssystem starkmachen. Umfragen sprechen hier angeblich auch eine deutliche Sprache. Doch unsere nette kleine Demokratie gestattet uns hier leider kein Mitspracherecht. Daher kommt es einem in der derzeitigen Diskussion  fast so vor, als ob Frau Ministerin Schmied vollkommen alleine und als einzige eine langfristige Verbesserung im Sinne hat. Fast kann sie einem Leid tun. Auf der einen Seite muss sie mit den Ministerkollegen über das Budget streiten, auf der anderen Seite wird sie von der Lehrergewerkschaft beschossen. Die Elternvertreter machen sich Sorgen über zwei ausgefallene Schultage. Wer bleibt da über? Was fehlt ist eine gesamte Ebene die sich für konkrete Konzepte in Sachen Bildung stark macht, eine Art Interessensvertretung für gute Pädagogik.

Wie schon weiter oben erwähnt, ist es in Österreich unpopulär, ja fast gefährlich (man könnte ja jeden Tag vom Gegenteil überzeugt werden) einmal ein Lob für eine Ministerin auszusprechen. Warum ich das aber so wichtig finde, als Beispiel, ist weil man so ganz einfach in diesem Land nicht arbeiten kann. Dem Vernehmen nach hat Ministerin Schmied auch kurz über einen Rücktritt nachgedacht. Das mag natürlich nur eine kleine Drohgebärde sein, aber bei mir ist sie angekommen. Denn ich würde es verstehen. Ja, jagen wir auch noch den letzten halbwegs motivierten Minister zum Teufel! Wenn über jede unpopuläre Maßnahme, die man ergreifen muss, ob man will oder nicht, alle lobenswerten Ziele und Errungenschaften einfach vergessen und weggewischt werden, dann wird einem auch der letzte Spass an der Arbeit genommen. Behalten wir ganz einfach weiterhin nur die 2 Quadratmeter um uns herum im Auge, denn in den kommenden Monaten wird das bitter nötig sein. Denn die Lehrer sind nicht die einzigen, die es treffen wird, und bei weitem nicht jene die am Stärksten von Einsparungen betroffen sein werden. Also sollte jeder sein eigenes Gerstl im Auge behalten, und bloss keinen Zentimeter davon abweichen.

2 Kommentare zu

“Der schiefe Turm”

  1. 11. März 2009 um 23:02 Matthias (Mangara)

    Hey – danke für den Artikel – super geschrieben und interessant. Eigentlich echt schräg dass bei uns Ministern nie ein gutes Zeugnis ausgestellt wird. Desswegen wolln die besten Leut vielleicht auch nicht Minister werden, denn der Stress und die Presse bei dem Gehalt – lächerlich!

  2. 1. Mai 2009 um 10:44 Am Tag der Arbeit | Schreibblogade

    [...] noch größere Veränderungen und Verbesserungen herbeiführen wollen, habe ich bereits hierthematisiert. Erschreckend war für mich in Folge zu beobachten, wie ich in persönlichen [...]