Öffentlich-rechtliche Zukunft

Geschrieben von schimi am 31. März 2009 | Medien

In diesen Tagen entscheidet sich wiedereinmal die Zukunft des ORF, die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in Österreich. Diese Zukunft wird leider wieder einmal von ein paar Politikern entschieden, die den ORF vor allem für ihre eigenen Zwecke verwenden wollen. Sie wird leider ohne jene entschieden, denen dieser Fernsehsender eigentlich gehört: uns.

Sieht man sich das von GD Alexander Wrabetz vorgelegte Reformpapier, über das in den kommenden Tagen entschieden werden soll, genauer durch, fällt vor allem eines auf: Nichts was da drin steht ist wirklich neu, und nichts wirklich eine Sensation, keine Innovation, keine neue Idee. Viele sehen darin deshalb eine Enttäuschung. Und doch ist das meiste davon einfach wahr. Das ist leider ein trauriger Sachverhalt. Denn es bedeutet, dass vielen Menschen, einschließlich dem derzeitigen Generaldirektor, durchaus klar ist was zu tun wäre, um den ORF langfristig zu retten. Manche Dinge davon liegen schon seit Jahren so offen auf der Hand, dass es einem eben fast schon wehtut, sie immer wieder auszusprechen: 1. Die ORF-Gebühren sollen zu 100% an den ORF gehen. Es geht nicht an, dass 30% vollkommen zweckentfremdet in den Taschen der Bundesländer landen, während das ganze Land über ungerechtfertigt hohe Gebühren jammert. 2. Der ORF muss verkleinert werden. Auslagerungen werden, wo sie Sinn machen, nicht zu umgehen sein. Vor allem aber müssen die 9 Landesstudios radikal geschrumpft werden. Diesem historisch gewachsenen Unsinn, dass sich jeder Landeskaiser sein eigenes Haus und Hof Fernsehteam halten darf, muss einfach ein Ende gesetzt werden. Für ein Land von Österreichs Größe ist es ohnehin schwer genug, sich ein eigenes Fernsehen zu leisten. Natürlich tun sich da 10x soviele Gebührenzahler in Deutschland oder Großbritannien wesentlich leichter. 9 Studios sind da einfach nicht drin. Sorry. 3. Der ORF muss endlich politisch unabhängig werden. Es ist ein großer Irrtum zu glauben, die direkte Besetzung der Führungsmannschaft sowie die parteipolitische Entsendung eines Aufsichtsrates, wären die einzige Möglichkeit einen öffentlich-rechtlichen Sender zu führen. Nein, es gibt tatsächlich auch noch so etwas wie zumindest möglichst weitreichende politische Unabhängigkeit. Nur will man das scheinbar hierzulande gerne vergessen.

Und das sind nur drei Beispiele. Natürlich gibt es noch viele andere Punkte, von denen nahezu jedem klar ist, dass sie eigentlich geändert werden müssten. Und doch, ich traue mich eine absolut nicht mutige Prognose abzugeben: Die Zukunft des ORF, sie sieht so aus, dass sich wiedereinmal genau in diesen Punkten rein garnichts ändern wird. Der Grund dafür ist ebenso einfach zu beantworten: Unser letzter Bundeskanzler war einer, der sich kaum um den ORF gekümmert hat, und den Chef am Küniglberg einfach mal machen lies. Heute arbeitet er wieder in der Arbeiterkammer. Sein Nachfolger ist da schon eine Nummer schlauer: Nach Rückeroberung der größten Tageszeitung des Landes, hat er nun den ORF im Visier. Und er macht auch kein Geheimnis daraus. Der ORF wird zwischen Rot und Schwarz neu verteilt. All just a little bit of history repeating.

Der Generaldirektor versucht – wahrscheinlich aussichtslos – seine Haut zu retten, in dem er sagt was Sache ist, und wie es weitergehen könnte. Doch dabei findet er keine Freunde. Im ORF nicht, weil es auf der einen Seite leider zu unangenehmen Änderungen kommen wird müssen, auf der anderen Seite weil es hier doch einige Menschen gibt, die tatsächlich etwas vom Fernsehmachen verstehen, und denen das Konzept des GD einfach zu wenig weit geht. In der Regierung nicht, weil er zuletzt die Unabhängigkeit der ORF-Information wieder hergestellt hatte. Auch die anderen Medien kommen nur langsam in Schwung, weil dort ebenfalls ums Überleben gekämpft wird, und zuviele Eifersüchteleien einfach den Blick fürs Wesentliche verstellen: schon seine Programmreform wurde an Hand von wenigen Sendungen ins Lächerliche gezogen. Wrabetz hat daraus seine Lehre gezogen, auf Programminnovation wird zukünftig gänzlich verzichtet, damit ist scheinbar nichts zu gewinnen.

Ja, und dann wäre da wieder die Öffentlichkeit, wir. Uns gehört der Laden. Warum sagen wir nicht, was anders laufen soll? Den Grund dafür orte ich in einem Unverständnis, über die Bedeutung eines öffentlich-rechtlichen Senders. Diskutiert wird hierzulande ob Nachrichtensendung A nun 5 Minuten weniger lang ist als früher, oder nicht. Diskutiert wird ob Diskussionssendung B nun exakt das Niveau von vor 20 Jahren hat, oder nicht mehr. Diskutiert wird, ob Dokumentationsfilm C nun 2 Stunden zu spät in der Nacht läuft oder nicht. Bitte nicht falsch verstehen, diskutieren darf man natürlich über alles, und das ist auch gut so. Aber eben erst, nachdem folgendes klar gestellt ist: Das Ende des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, bedeutet das Ende von ALLEN Sendungen, die sich ernsthaft Informationssendung nennen dürfen (hat hier schonmal jemand PRO7-News oder  RTL-News gesehen? Nein?) Das Ende des öffentlich-rechtlichen Fernsehens bedeutet das Endevon allen Diskussionssendungen, die auch nur VERSUCHEN ein bestimmtes Niveau zu haben. Das Ende des öffentlich-rechtlichen Fernsehens bedeutet das Ende von allen Dokumentationen, die nicht zufällig zu 80% Spielfilmelemente von drittklassigen Laiendarstellern enthalten. Auf diesem Niveau müsste man weiterdiskutieren, wenn klargestellt ist, dass wir auch weiterhin ein öffentlich-rechtliches Fernsehen haben wollen und brauchen. Denn das Ende des öffentlich rechtlichen Fernsehens bedeutet vor allem in Österreich, mit seiner ohnehin schon viel zu einseitigen Medienlandschaft, das Ende des öffentlichen Diskurses. Nur wer das will, nur wer das ernsthaft in Kauf nimmt, kann wirklich für eine Ende des ORF sein. Möglich, dass es diese Menschen gibt. Möglich, dass sie in unserer Regierung sitzen.

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