Die 4. Gewalt
Geschrieben von schimi am 24. April 2009 | Medien
Manche Dinge weiß man ja erst so richtig zu schätzen, wenn man sie nicht hat, oder nicht mehr. Ich glaube so verhält es sich auch mit dem Qualitätsjournalismus oder mit investigativem Journalismus. So lange die Medien eines Landes in ausreichendem Maße “funktionieren” und ihre Rolle als die 4. Gewalt eines Staates wahrnehmen, im Sinne der Kontrolle und Überwachung der Mächtigen, so lange geht diese Tatsache fast an einem vorbei und wird irgendwie zur Selbstverständlichkeit. Man konsumiert sie, und nimmt die inhaltlichen Themen war, denkt über jene Fragen nach die einen interessieren, und spricht über jene die einen wirklich bewegen. Aber kaum einmal denkt man sich auch wirklich: “Zum Glück gibt es dieses Medium auch, dass mir dieses Thema näher gebracht hat. Und das soll auch bitte so bleiben.”
Die jüngste Diskussion um den ORF hat mir das wieder vor Augen geführt: Man kann immer darüber diskutieren was nicht gut ist, und vor allem was noch besser ginge. Das ist auch wichtig. Aber trotzdem wird dabei gerne darauf vergessen, was wäre wenn es ein solches Medium garnicht mehr gebe. Da wird die Auswirkung meines Erachtens nach unterschätzt.
Anderes Beispiel: Fast jede zweite, dritte Woche greift der Falter eine Story auf, die wirklich gesellschaftlich brisant ist, und die von anderen Medien sträflich vernachlässigt wird. Wenn ich Woche für Woche den Falter durchblättere stosse ich dann auf diese Geschichten, und bin an der Story, an dem Thema interessiert. Zu selten denke ich mir aber wirklich bewusst: Was wäre, wenn es diese Art von investigativem Journalismus nicht geben würde? Was wäre, wenn wir die Geschichten über Polizeiübergriffe, Justizschlampereien und ähnliches nicht erfahren würden? Wieviele solcher Geschichten entgehen uns jetzt schon, und wieviele würden uns erst recht dann entgehen? Und würde es vielleicht nicht sogar vielmehr solcher Stories geben, weil die Dunkelzone einfach viel größer wäre, in deren Schutz man Dinge begehen kann, von denen die Öffentlichkeit ohnehin nie etwas erfährt?
Letzte Woche bin ich beim Lesen des Falters nach längerer Zeit mal wieder auf einen Bericht über den “Tierschützer” Martin Balluch gestossen. Es ist ein fast einseitiger Artikel darüber wofür Martin Balluch nun tatsächlich angeklagt werden soll. Abgesehen von der Frage warum im Falter bereits zum x-ten Mal ein Artikel über Martin Balluch erscheint, wo doch der Falter sonst auch nicht über jeden kleinen Gangster der vermutlich Drohbriefe geschrieben und Sachbeschädigungen begangen hat berichtet (dafür könnte ich auch die Chronikseite jeder beliebigen anderen Zeitung lesen), ist mir in dem Moment jedenfalls die “Abwesenheit” von investigativem Journalismus wieder sofort ins Auge gesprungen: Jenen 9 anderen Tierschützern, die teilweise unter haarsträubenden Vorsätzen verhaftet wurden, damit sich der Tatbestand einer “kriminellen Organisation” konstruieren lies, wird im Falter gerade mal ein kleiner Kommentar gewidmet. Warum bringt nicht mal jemand einen Bericht über das Schicksal eines der Betroffenen? Da hier ein kleiner Justizskandal langsam und still verklingen und unter dem Tisch verschwinden soll, wäre das zumindest wesentlich interessanter als immer wieder dieser seltsame Martin Balluch.
Aber ich schweife ab. Der Punkt hier ist eben dieses Vergessen und als Selbstverständlich nehmen, bis es einem plötzlich irgendwo abgeht, und man eine Lücke entdeckt, und sich denkt: Warum wird darüber nicht berichtet? Warum kümmert sich die Öffentlichkeit nicht darum? Diese Lücken sollten nicht zu groß werden, sie sollten nicht zu häufig werden. Letzten Endes ist es fast beschämend, wenn es immer wieder die selben zwei, drei kleinen Medien dieses Landes sind, die bestimmte Dinge aufdecken. Was ich sagen will ist: Es ist mehr als wichtig, dass es Medien gibt, die nicht nur aus rein wirtschaftlichen Gründen existieren, sondern die auch eine aktive Rolle in unserer Gesellschaft einnehmen wollen. Uns als Konsumenten sollte das auch bewusst sein, und wir sollten das entsprechend honorieren und unterstützen.
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