Fight for your Flex

Geschrieben von schimi am 20. April 2009 | Menschen

Wenn man in einer Großstadt aufwächst, gibt es gewisse Dinge und Institutionen, die für einen persönlich einfach nicht wegzudenken sind. Das hat nichts damit zu tun, dass sie tatsächlich über alles erhaben wären. Im Gegenteil, im Laufe der Jahre ertappt man sich gerade bei diesen “ans Herz gewachsenen” Sachen dabei, besonders kritisch zu sein: “Das ist nicht mehr so wie es mal war!” und “Früher war das noch viel cooler!” sind typische Sätze, die aber im Grunde vielmehr Ausdruck dafür sind, dass man selbst ein bisschen älter geworden ist, und nun vielleicht auch neue Generationen diese Dinge zu schätzen wissen. Was diese aber neben allen Veränderungen und Kritikpunkten auszeichnet ist, dass ohne sie dieses “Aufwachsen” schlicht und ergreifend anders verlaufen wäre. Wie, das lässt sich natürlich nicht sagen. Aber anders. Ein Beispiel dafür wäre FM4. Wo ich in den letzten 14 Jahren auch nur annähernd die Musik gehört und vor allem auch zu einem Gutteil kennengelernt hätte, die mich eben genau über diesen Zeitraum hin  begleitet hat, ist mir völlig schleierhaft. Drum wünsch ich Fm4, ob mir nun vieles daran gefällt oder nicht, noch ein langes Leben.

Ein anderes Beispiel, eines das ernsthaft mit dem Tode bedroht wird, ist das Wiener Szenelokal Flex. Es gibt ja durchaus jene, die sich noch gut an die Zeit des ersten Flex erinnern können, in der natürlich “alles noch viel cooler” war. Ich hingegen gebe gerne zu, dass meine intensivste Flexzeit eher in die Ära des Donaukanals fällt. Über Jahre hinweg war das Flex dort ein absoluter Fixpunkt, ja fasst ein zweites Wohnzimmer. Auch hier galt: Ich will garnicht darüber nachdenken, in welche Clubs ich damals sonst hätte gehen müssen, oder auch nur wo ich im Sommer sonst so meine Bierchen trinken hätte müssen. Das Flex ist aus meinem Aufwachsen in dieser Stadt definitiv nicht wegzudenken.

Natürlich hat sich inzwischen einiges geändert. Das betrifft nicht nur das Flex selber, sondern vor allem auch den Rest der Stadt: Was sich in den letzten 10, 15 Jahren in Wien in Sachen Entwicklung von Musikszene, Clubs und coolen Lokalen getan hat, ist wirklich beeindruckend, und hat der Stadt auch enorm gut getan. Heute kann man sich fast nicht mehr vorstellen, dass das vor so relativ kurzer Zeit noch ganz anders aussah. Insofern ist es verständlich, wenn das Flex heute nicht mehr jenen Stellenwert spielt, wie damals. Nichts desto trotz ist es nach wie vor ein Fixpunkt, und wenn man am anderen Ende der Welt Menschen trifft, die tatsächlich das Wiener Flex zumindest dem Namen nach kennen, dann sagt das mehr als alle anderen Worte. Darum wünsch ich jedem der in einer Großstadt aufwächst sein persönliches, eigenes Flex, und dem Flex wünsch ich ebenfalls ein langes Leben.

Denn das ist bedroht. Vor allem der Bezirksvorsteherin des 1. Bezirks war das Lokal von Anfang an ein Dorn im Auge. Angriffspunkt und Generalthema ist dabei immer wieder die Drogenfrage. Das Flex ist ein Anziehungspunkt für Drogendealer heisst es. Nun ist es schon generell eine etwas schwierige Frage, in wie weit ein Lokal für eine parallel entstehende Drogenszene verantwortlich ist. Tatsache ist jedenfalls, dass sich die Situation beim Flex vor einigen Jahren vor allem dadurch zuspitzte, dass die Wiener Polizei die Schwedenplatz/Morzinplatz Ecke von der Drogenszene säuberte, in dem sie dort Kameras und einen mobilen Überwachungswagen installierten. Der Polizei war – vielleicht im Gegensatz zu einigen anderen Leuten – natürlich klar dass so eine Aktion nicht das Drogenproblem löst, sondern nur die Szene woandershin treibt. Die Szene in manchen überschaubaren Plätzen und Orten einfach sein zu lassen, ist daher ganz normaler Bestandteil der Drogenpolitik der Stadt (man siehe nur Karlsplatz).  In besagtem Fall wurde die Szene jedenfalls Richtung Schottenring verlagert. Tatsache ist ebenso, dass das Flex nun schon seit einigen Jahren mit eigenen, selbstbezahlten Securities dafür sorgt, die Dealer von der unmittelbaren Umgebung des Lokals zu vertreiben. Diese Securities, die manchem Flexbesucher vielleicht ein Dorn im Auge sein mögen, sind dabei auch einigermaßen erfolgreich: Im und vor dem Flex wird de facto nicht gedealt.

Die Folge aus diesen beiden Tatsachen ist nun, dass die Dealer auf der Brücke stehen, direkt beim Abgang zum Flex – und: Direkt schräg gegenüber der großen Rossauer Polizeikaserne. Schuld daran ist aber, das ist klar: Das Flex und seine verkommene Szene.

Ein einseitiger Krieg, der mit Mitteln wie: “Nein, das Flex darf seine Großbildleinwand zur Fussball Heim-EM erstmals nicht draussen aufbauen” geführt wird, hat sich seit letztem Herbst wesentlich verschärft: Die Wiener Polizei marschiert nun, auf Befehl wessen auch immer, nahezu jeden Tag pünktlich um 4:00 Früh den kurzen Fussweg über die Lände zum Flex und sorgt dort für Recht und Ordnung: Doch nicht die Drogendealer haben sie im Visier, nein es ist die Sperrstunde des Lokals die rigoros durchgezogen werden muss. Wird nach 4:00 auch nur ein einziger Gast innerhalb des Lokals angetroffen, hagelt es sofort die nächste Anzeige. Wie kann man sich das nun vorstellen: Marschiert die Polizei tatsächlich durch ein aufgestelltes Spalier von Drogendealer, um das Lokal pünktlich zuzusperren, oder haben die Polizisten tatsächlich noch nie einen Dealer angetroffen, da diese pünktlich um 3:58 den Abgang verlassen? Wie auch immer dieses Schauspiel nun jeden Tag abläuft, sämtliche Anträge des Flex auf Verlängerung der Sperrstunde auf 6 Uhr (was die Situation rechtzeitig alle Gäste draussen zu haben wesentlich erleichtern würde) wurden bisher abgelehnt. Vermutlich fühlen sich das Donaukanalwasser und der U-Bahnschacht in ihrer Ruhe gestört.

Neuer Höhepunkt der Geschichte: Angeblich wurde dem Flex nun erstmals auch offiziell das Aufstellen der Holztische und Bänke am Donaukanalufer untersagt. Die Begründung hat wohl irgendwas mit der Behinderung der Radfahrer zu tun. Bin gespannt ob nun die neueren Donaukanallokale, wie der ÖVP-nahe Strand am Ufer des 2. Bezirks auch wieder dicht machen müssen. Wenn das Durchgezogen wird, ist nicht nur das Flex massiv gefährdet (vor dessen Toren an warmen Sommertagen gut und gerne mehrere hundert Leute sitzen), sondern auch eine der nettesten Sommerlocations der Stadt. Machen wir einfach wieder Rückgängig, was sich in den letzten Jahren in der Stadt so entwickelt hat. Bis es soweit kommt, kann man aber beim Flex auch dagegen unterschreiben: 18.000 haben das bereits getan. Scheint sich also doch um eine verkommene Minderheit zu handeln…

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