Am Tag der Arbeit

Geschrieben von schimi am 1. Mai 2009 | Demokratie

Organisationen, die für sich den Anspruch erheben in irgendeiner Form eine gesellschaftliche Relevanz zu haben, müssen sich auch mit der Entwicklung  eben dieser Gesellschaft mitbewegen. Wer da stehen bleibt und diese Veränderungen nicht wahrnimmt, oder nicht wahrnehmen will, der wird über kurz oder lang seine Bedeutung verlieren.

Die Bildungsdebatte der letzten Wochen hat mich in vielen Punkten nachdenklich gestimmt. Einen davon, den Umgang mit Politikern, die in ihrem Bereich tatsächlich noch größere Veränderungen und Verbesserungen herbeiführen wollen, habe ich bereits hierthematisiert. Erschreckend war für mich in Folge zu beobachten, wie ich in persönlichen Diskussionen darüber nahezu allerortsauf Taube Ohren gestossen bin. Auch in meinem näheren Umfeld waren dabei immer wieder die gleichen Argumente zu hören: “Sie hat sich ungeschickt verhalten.”, “Man kann sowas nicht in der Öffentlichkeit diskutieren.”, “Man hätte zuerst die Gewerkschaft ins Boot holen müssen.” usw. Scheinbar sind den meisten Leuten, obwohl in der Sache selbst (Bildungspolitik, finanzielle Lage,…) durchaus Verständnis herrscht, diese Dinge wichtiger als die anstehenden, langfristigen Zukunftsfragen.

Daraus schließe ich, dass in Österreich die Form immer noch weit über dem Inhalt steht. Und diese Form besagt scheinbar: Konkrete Ideen und Vorschläge nur nicht laut sagen! Lieber alles erstmal hinter verschlossenen Türen diskutieren. Lieber erstmal alles von der Gewerkschaft heimlich absegnen lassen, erst dann kann man es auch den Menschen da draussen zumuten. Und vor allem: Bitte keine großen Veränderungen, und schon garnicht in zu kurzer Zeit! Denn das ist furchtbar undiplomatisch!

Sorry, damit gebe ich mich nicht mehr zufrieden. Dann bin ich lieber mal undiplomatisch. Für mich persönlich sage ich ganz deutlich: Ich will Veränderungen, und zwar möglichst schnell! Bei dieser Aussage muss man nicht erschrecken: schnell bedeutet eben nicht automatisch auch “um jeden Preis”. Es ist nur eine zeitliche Zielvorgabe. Ich will neue Ideen und Vorschläge, und zwar möglichst offen und transparent! Ich will Diskussionen über diese Vorschläge, ganz so wie sie in den letzten Wochen geführt wurden, aber über die Inhalte, nicht über die Form, und ich will nicht schon vorher jemanden um Erlaubnis fragen müssen, bevor diese Idee überhaupt geäußert wurde. Wenn das tatsächlich  so ein großer Bruch mit unserem gewohnten, politischen System ist, dann bitte, dann soll es so sein: Ich will diesen Bruch, denn das ist die Art von Politik, die ich mir für die Zukunft vorstelle!

Wenn ich gleich mal einen Vorschlag zu solchen Veränderungen bringen darf, dann führt mich das zurück zu Organisationen und ihrer gesellschaftlichen Relevanz. Es kann einfach nicht sein, dass man gleich als “neoliberaler” oder als “unsensibel gegenüber Kleinverdienern” beschimpft wird, wenn man sich kritisch gegenüber der Arbeit der Gewerkschaft äußert. Daher: Gewerkschaften sind wichtig, sie erfüllen eine notwendige Rolle in unserer Gesellschaft. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie sich überhaupt nicht verbessern müssen, sondern im totalen Stillstand festgefahren bleiben sollen. Im Gegenteil: Als weltweit die ersten Gewerkschaften gegründet wurden, und diese Idee des Zusammenschlusses erstmals aufkam, waren die Rechte der Arbeiter gleich null. Doch dank der Arbeit der Gewerkschaften sieht unsere Gesellschaft heute ganz anders aus. Vieles wofür damals gekämpft wurde, ist heute selbstverständlicher Bestandteil des Arbeitsrechts. Und das ist nur der größte Schritt. Auch in den letzten 50 Jahren hat sich unsere Gesellschaft stark geändert und weiterentwickelt, in vielen kleinen Schritten. Aus diesem Grund bin ich der Ansicht, dass es heute für die Gewerkschaft einfach nicht mehr reichen kann, wenn sie immer noch ausschließlich für weniger Arbeitsstunden und mehr Lohn kämpft. Das ist zu wenig. Da bin ich einfach der Meinung, hat die Gewerkschaft bestimmte Entwicklungen vollkommen verschlafen.

Daher wäre es so wichtig, vor allem im Eigeninteresse der Gewerkschaften, aus diesem Stillstand zu erwachen, und sich mal zu überlegen wie eine moderne Rolle der Gewerkschaft heute aussehen könnte. Denn nur wenn man Antworten auf die Fragen der Gesellschaft hat, kann man auch die Relevanz für diese beibehalten, die die Gewerkschaft in der Vergangenheit zweifellos hatte. Eine Gesellschaft, die sich längst schon auch mit Fragen wie eben der Zukunft der Bildung beschäftigt, kann mit einer Gewerkschaft, die diese Frage komplett ausblendet einfach nichts anfangen.

Was mir vorschwebt wäre dahingegen eine Gewerkschaft als echte Interessensvertretung des jeweiligen Berufsstandes, im Sinne der jeweiligen Aufgabe, nicht ausschließlich im Sinne des Arbeitsplatzerhalts. Eine Lehrergewerkschaft beispielsweise müsste meiner Meinung nach hergehen und sich fragen: Was ist unser Ziel als Lehrer, was wollen wir auf dieser Welt erreichen? Die Antwort könnte beispielsweise lauten: Wir wollen die bestmögliche Ausbildung unserer Kinder erreichen. Wie können wir dieses Ziel erreichen? Mit den folgenden Maßnahmen usw. Das diese Maßnahmen dann natürlich auch beinhalten werden, dass Lehrer einen sicheren Arbeitsplatz mit entsprechender Bezahlung haben, erklärt sich von selbst. Aber eben nicht nur. Lehrer müssen auch andere Maßnahmen für ihre hoffentlich existierenden Ziele kennen. Das zu formulieren, zusammenzutragen und eben auch zu vertreten, könnte Aufgabe der Gewerkschaft sein. Sie wäre damit genau jene Gruppierung, die meiner Meinung nach in der laufenden Diskussion so gefehlt hat. Und sie hätte damit weiterhin ihren wohlverdienten Fixplatz in der Gesellschaft.

Im Moment sehe ich das nicht. Weit und Breit sehe ich keine Gewerkschafter, die ein solches Ziel verfolgen würden, die auch mal Veränderung im Sinn hätten. Man braucht sich nur die Plakate der AK Wahl anzusehen und erkennt sofort: Es sind immer noch dieselben Argumente wie vor 20 Jahren. Manchmal ist mein Eindruck sogar, dass die Gewerkschafter, vielleicht um von ihrer Belegschaft wieder gewählt zu werden, oft viel sturer in Bezug auf neue Maßnahmen sind, als jene die sie eigentlich vertreten sollten. Lehrer sind da wiederum ein gutes Beispiel, von denen sich nämlich viele nicht wirklich vertreten fühlen. Über den führenden BMHS Lehrergewerkschafter musste ich zuletzt zum Beispiel folgendes Lesen: Lehrer wurde er aus Zufall, nämlich aus finanzieller Not. Ehrgeizig wollte er zum Direktor werden, als das nicht klappte schlug er die Gewerkschaftslaufbahn ein. Lehrer ist er heute nicht mehr, nur noch deren Vertreter. Auf die Frage nach seinen pädagogischen Vorstellungen antwortet er mit einer Zeichnung der Gauß´schen Kurve: 50 Prozent haben einen IQ über hundert, 50 Prozent haben einen IQ unter hundert.  Darum ist der Grund warum soviele Kinder Nachhilfe brauchen nicht bei den Lehrern zu suchen, sondern bei den zu hochgesteckten Erwartungen. Die Kinder sind eben zu dumm. Spricht man ihn auf die schwarzen Schafe unter den Lehrern an, die im Unterricht nur ein Video einlegen und sich zurücklehnen, sagt er: “Ich glaube nicht, dass es solche Lehrer gibt.” Noch Fragen?

Ein Kommentar zu

“Am Tag der Arbeit”

  1. 2. Mai 2009 um 17:24 Martin Schimak

    Keine Fragen. Nur Zustimmung. Doch, eine: vielleicht doch auswandern?