Vom Glauben an die Technik

Geschrieben von schimi am 27. Mai 2009 | Menschen

Ein paar Gedanken eines “Informatikers” zum derzeitigen Versuch “E-Voting bei den ÖH-Wahlen”.

Liest man dieser Tage diverse Beiträge zum Thema, so hört man immer wieder davon wie “sicher” das derzeit verwendete System ist, oder es wird gar davon berichtet dass es keine Angriffe auf das System gab, und die Wahl somit nicht manipuliert wurde. Das ist schön und gut, und tatsächlich eine technische Frage nach den Sicherheitslücken im System. Es ist aber keineswegs das Hauptproblem. Denn eine demokratische Wahl muss nicht nur tatsächlich unverfälscht und korrekt sein, sondern sie muss vor allem auch für jedermann (also jeden Teil der Demokratie) NACHVOLLZIEHBAR unverfälscht und korrekt sein. In anderen Worten: Es reicht nicht, wenn eine zehnköpfige Wahlkommission sagt: Passt schon, war alles korrekt. Ebensowenig reicht es wenn eine größere Personengruppe nur auf Grund ihrer technischen Bildung sagen kann: Passt schon, alles sauber. Fakt ist, jedermann und jedefrau muss in der Lage sein das Ergebnis einer Wahl zu überprüfen. Im Fall der “altmodischen” Stimmzettel ist das gegeben: jeder kann hergehen und im Falle des Falles die Stimmzettel nach einer Wahl noch einmal nachzählen. Natürlich, dieses Recht ist in unserer Demokratie nur ein theoretisches. In der Praxis gäbe es entsprechende Wahlanfechtungen, die ein solches Nachzählen ermöglichen, welches wiederum von dazu von uns befugten Institutionen durchgeführt werden würde. Nichts desto trotz ist dieses Recht unglaublich wertvoll: Es sorgt im Grunde mit dafür, dass eine Wahl eben nicht manipuliert wird.

Das Schlüsselwort lautet also: Transparenz. Einen Zettel mit einem Kreuz darauf kann jeder nachvollziehen. Ebenso sind Nachzählungen möglich ohne einen Eingriff in den Datenschutz vornehmen zu müssen: Wer gewählt hat, und seine eigentliche Stimme, sind offensichtlich klar voneinander getrennt. Die Transparenz einer Wahl, und sei sie noch so theoretisch, bleibt im IT Bereich hingegen nicht erhalten. Sie fällt de facto komplett weg.  Ein EDV-System, in dem irgendwo ein virtuelles Byte sagt, dass diese oder jene Partei gewählt wurde, ist nicht nur für einen Laien nicht mehr nachvollziehbar. Es wäre selbst für einen EDV-Experten nahezu unmöglich zu 100% nachzuvollziehen, was in einem entsprechenden System tatsächlich vor sich geht. Im Grunde bleibt E-Voting damit für einen überwiegenden Teil der demokratischen Bevölkerung eine absolute Black-Box, von der keiner eine Ahnung hat was darin wirklich passiert.

Ein einfaches Beispiel: Jedermann hat in Österreich das Recht anwesend zu sein wenn eine Wahlurne versiegelt wird. Durch einen Blick wird sichergestellt, dass nicht schon vor Beginn der Wahl eine Reihe von Stimmzetteln in der Wahlurne liegen. Im IT Bereich wäre das praktisch unmöglich. Wie soll man einem Laien beweissen, dass nicht schon vor der Wahl 2000 Stimmen für die eine Partei irgendwo virtuell verzeichnet sind? Das ist einfach nicht machbar. Und damit öffnet es Tür und Tor für Manipulierungen. Nicht externe Angriffe von irgendwelchen Gangstern sind die Gefahr für eine demokratische Wahl, sondern interne Mächte die ein Interesse an den Ergebnissen haben.

Sicher, nun könnte man das als eine Art Verschwörungstheorie abtun. Wer sollte in Österreich tatsächlich vorhaben die Wahlen zu manipulieren? Doch das ist nicht der Punkt, denn das System , wie eine Wahl vor sich geht, soll eben sicherstellen dass es erst garnicht zu Manipulationsversuchen kommt, weil es praktisch unmöglich ist. Erst wenn man diese Möglichkeiten bietet, könnte auch jemand auf die Idee kommen diese auch zu nützen. In der Informatik spricht man von einem SPOF (Single Point of Failure), wenn eine einzige Schwachstelle reicht, um ein ganzes technisches System lahmzulegen. In einer Demokratie wäre diese Schwachstelle die Wahl: Verändert man die Wahl, legt man sie lahm oder manipuliert man sie, so verändert, manipuliert und zerstört man die gesamte Demokratie.

Den Vergleich zu ziehen und zu sagen: Transparenz schön und gut, aber leben wir nicht in einer technokratisierten Welt, in der kaum noch etwas nachvollziehbar ist? Wenn ich beispielsweise im Internet meine Kreditkartennummer angebe, weiß ich denn dann was das System wirklich damit macht, ist das nicht auch eine Black-Box für mich? Das stimmt. Der Unterschied ist jedoch: Die Gefahr, dass mir jemand illegal Geld von meinem Konto abhebt, ist im Vergleich zur Wahl eines Staates nicht nur wesentlich kleiner, sie ist vor allem auch: ja, transparent. Denn ich werde jederzeit in der Lage sein den entstandenen Schaden zu erkennen: Wenn mir Geld fehlt, dass ich nicht ausgegeben habe, dann kann ich das merken. Bei einer Wahl ist das nicht so. Wie sollte beispielsweise jemals jemand merken, ob eine Partei ein paartausend Stimmen mehr auf sich verbucht hat? Ein paartausend Stimmen, die vielleicht ein Mandat ausmachen, eine Mehrheit, oder vielleicht auch nur eine Umreihung im Kampf um Vorzugsstimmen?

Ich denke es ist kein Zufall, dass es in der laufenden Diskussion gerade diverse Informatiker (wohlgemerkt: Informatiker im Sinne von Informationswissenschaftler, nicht Programmierer, nicht EDV-Junkie oder ähnliches) sind, die am Lautesten diese Gefahren aufzeigen. Schließlich versteht sich die Informatik zu einem Gutteil auch als Wissenschaft, die die Auswirkungen der modernen Technologien auf unsere Gesellschaft erforscht. Es ist daher ein Irrglaube zu denken, dass es gerade diese technik-affinen Menschen sein müssten, die zu jeder neuen Technologie sofort ja sagen und den Fortschritt bejubeln. Erstaunlich finde ich es, wie groß der Glaube an die Technik in der Bevölkerung scheinbar sein muss, und wie schwer es uns fällt, auch ein einfaches Blatt Papier und ein Kreuzchen als das optimale System für eine Aufgabe zu erkennen. Das bisschen Mehraufwand das für eine Wahl alle paar Jahre dadurch entsteht, sollte es uns schon Wert sein.

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