Mut zur Peinlichkeit

Geschrieben von schimi am 9. Juli 2009 | Kreativität

Vergangene Woche hatte ich das Vergnügen gleich 3 ausgezeichnete Konzerte in der Wiener Arena zu besuchen, den Auftritt der Yeah Yeah Yeahs und einige Tage später gleich im Doppelpack The Kills und Arctic Monkeys. Gleich vorweg: Nicht nur, dass die Sommerarena als meiner Meinung nach beste Konzert Location in Wien wieder ihren Teil zur Stimmung beigetragen hat, waren für mich auch alle drei Konzerte erstklassig.

Interessant fand ich in den folgenden Tagen aber eine Beobachtung bezüglich den zahlreichen Kommentaren und Kritiken zu den besagten (und auch weiteren) Konzerten in meinem Umfeld, und vor allem in den Foren von FM4: Da gibt es ein Argument, dass sich wie ein roter Faden durch die meisten Meinungen durchzieht, und dass ich mit folgendem Wort umschreiben würde: Der Peinlichkeitsfaktor.

Nun liegt es ja in der Natur der Sache, dass man, so wie bei allem, auch in Bezug auf Konzerte unterschiedlicher Meinung sein kann. Das hat in erster Linie oft schon was mit der Erwartungshaltungzu tun, damit wie sehr man die jeweilige Band prinzipiell mag und wie gut man ihre Songs kennt, mit den unterschiedlichen Eindrücken den Sound betreffend, mit unterschiedlichen Erfahrungen die Stimmung betreffend, auch mit der eigenen Stimmung am jeweiligen Abend, und nicht zuletzt auch einfach mit unterschiedlichen Geschmäckern. Schön und gut. Wenns aber um die Peinlichkeit der Bands geht, in vielen Fällen als einzigem oder ausschlaggebendem Argument, dann irritiert mich das schon, weil ich offensichtlich nach meiner jetzigen Beobachtung genau gegenteilig auf diese “Peinlichkeit” reagiere.

Um es konkret zu machen: Die Kills stiegen in nahezu sämtlichen Kommentaren gut aus, an ihrem souverän vorgetragenen Set gabs einfach kaum was auszusetzen. Die Arctic Monkeys wurden, vor allem auf Grund der großartigen Stimmung, die sie ihrem dankbaren (weil jungem) Publikum zu verdanken hatten, ebenfalls größtenteils mit Lob bedacht. Teilweise mischte sich hier aber auch schon die abschätzige Kritik ein: eben zu junges Publikum, Teenieband. Peinlichkeitsfaktor eben. Und am schlechtesten kamen die Yeah Yeah Yeahs weg (nein, natürlich nicht bei allen, aber eben bei einem Großteil der Leute in den Diskussionsforen), die mit Abstand am meisten mit dem Publikum kommunizierten, die wohl emotionalste Show hatten (inklusive Konfettiregen, ganz großer Peinlichkeitsfaktor) und deren Sängerin Karen O. sich auch noch zu einer Michael Jackson Widmung hinreißen lies, was  auch vor Ort im Publikum nur äußerst vorsichtig mit Applaus bedacht wurde (ui, ganz, ganz großer Peinlichkeitsfaktor).

Meine persönliche Reihenfolge (so schwer das auch immer sein mag), würde hingegen genau umgekehrt aussehen: Die YYYs schafften es bei mir am meisten Emotionalität und Ehrlichkeit gegenüber dem was sie machen rüber zu bringen. Selbst der Sound, der von vielen als zuwenig Bass- und Gitarren-lastig bemängelt wurde, war für mich eigentlich mehr eine Bestätigung des Sounds, den sie auch auf ihrer neuen Platte haben, eben weniger Gitarren-lastig, mehr in der Disco verhaftet. Diese Änderung der neuen Scheibe mag einem nun gefallen oder nicht, hat aber per se nichts mit der Qualität des Konzerts zu tun. Auf dem zweiten Platz wären bei mir wohl ebenfalls die Arctic Monkeys, die aus besagten Gründen wohl am meisten rockten, und auch die bombastischste Light and Sound Show hinlegten, die sich aber auch zu kaum einem Wort zum Publikum hinreißen ließen, und die – mit Ausnahme ihres Frontmans Alex Turner – eher etwas unmotiviert herumstanden. An letzte Stelle müsste ich hingegen die Kills reihen, die zwar durchaus solide ihre Songs abspulten, aber eben nur abspulten. Fm4 strich dieses “für sich selbst spielen, nicht fürs Publikum” als besonders lobenswert hervor, bei mir hat es eher das Gegenteil bewirkt: Es war okay, hat mich aber am wenigsten mitgerissen.

Was ist nun also meine Schlussfolgerung aus dieser Beobachtung? Je mehr eine Band aus sich heraus geht, je mehr sie sich dem Publikum öffnet, je mehr sie mit ihm spricht, je mehr sie ihren Sound auf ihren individuellen Wunsch einstellt, je mehr sie also tut, mit dem man anecken könnte, mit dem man auch mal daneben liegen könnte, oder eben peinlich sein könnte, desto eher wird es all diese Kritiken, die teilweise ja auch durchaus berechtigt sein können, auch tatsächlich geben. Wenn ich auf der anderen Seite hingegen möglichst das gewohnte Ding durchziehe, und möglichst kein Wort rede, dadurch möglichst keinen Fehler mach kann, möglichst fern und als cooler Musiker rüberkomme, dann kann mir auch nichts passieren, was wirklich peinlich sein könnte. Das schlimmste was passieren kann ist, dass mich jemand nicht so sympathisch gefunden hat. Aber das ist dem Image letztlich nur zuträglich. Hm, irgendwie kommt mir dieses Schema doch reichlich einfach vor. Irgendwie wirkt es doch zu simpel, als dass diese Beobachtung wirklich wahr sein könnte. Und doch, je länger ich darüber nachdenke, desto mehr Beispiele fallen mir ein, dass es zumindest in einem bestimmten Kreis von Musikkritikern und -liebhabern tatsächlich so ist: Nur keine Peinlichkeit, dann kann man eigentlich nichts falsch machen. Auch mit Songtexten verhält es sich ähnlich: je abstrakter sie sind, je schwieriger sie interpretiert werden können, desto leichter hat es die Band. Und deutsche Texte sind daher schon mal prinzipiell eine Kategorie heikler, weil sie eben leichter peinlich sind. Wie gesagt, das soll keine Kritik an Bands sein, die aus Schüchternheit kein Wort reden wollen, oder an Sängern, die tatsächlich großartig abstrakte Texte schreiben. In vielen Fällen kann das auch wirklich besser sein. Nur als Argument, als einziges Argument warum ich eine Band kritisiere, ist es mir eben ein wenig zu einfach.

Ich für meinen Teil plädiere für das genaue Gegenteil: Mut zur Peinlichkeit. Je mehr ein Künstler sein individuelles Ding durchzieht, je mehr er einfach ist wie er ist, tut was er tun will, je mehr er riskiert auch mal peinlich zu sein, je mehr Angriffsfläche er damit also bietet, desto ehrlicher wird sein Produkt ankommen, und desto größer ist am Ende auch die Chance, in mir richtige Emotionen auszulösen, auch wenn ich es dann das eine oder andere Mal so richtig peinlich finden mag.

Die Kommentarfunktion ist deaktiviert.