Button brennt

Geschrieben von schimi am 19. November 2009 | Demokratie

Seit ich einen dieser “Uni brennt” Buttons auf meiner Tasche trage (Armin Soyka sei dank, der hatte bei seinem Wahlhearing eine Menge davon dabei), wurde ich bereits zweimal gefragt, ob ich mich mit allen Forderungen der StudentInnen identifizieren kann. Mich nervt diese Frage irgendwie, denn: Nein, ich kann mich natürlich nicht mit allen Forderungen der StudentInnen identifizieren, schon allein deswegen, weil ich wahrscheinlich nicht einmal alle kenne. Und ja, ich kann mich mit den Forderungen der Studierenden identifizieren, weil sie für mich größtenteils im Grunde alle auf einen wesentlichen Punkt hinauslaufen: Der Bildungspolitik wieder jenen Stellenwert zu geben, die sie im Hinblick auf ihre gesellschaftliche Relevanz (also ihre Auswirkungen in diverse andere Bereiche unseres Lebens) eigentlich haben sollte. Eine Uni, die von StudentInnen die dort studieren wollen überrannt wird, sollte sich glücklich schätzen (können), und das nicht ausschließlich als Problem sehen. Ein Land, das von Studierenden überrannt wird, sollte sich als erstes überlegen, wie es dieses enorme Potential für sich nützen kann, anstatt einfach nur abzublocken. Erst wenn diese Prämisse erfüllt ist, diese gänzlich andere Herangehensweise gewählt wird, erst dann kann man sich ernsthaft über Lösungen, Finanzierung und Zugangsbeschränkungen Gedanken machen.

Abgesehen von den angesprochenen konkreten Forderungen sind es für mich aber vor allem 3 prinzipielle Punkte, die die Aktion der StudentInnen für mich so unterstützenswert machen:

1. Die Besetzung der Hörsäle ist für mich nicht weniger als eine der wichtigsten demokratischen Bewegungen der letzten Jahre. Das mag im ersten Moment ein bisschen nach einer hochtrabenden Floskel klingen, trifft für michaber tatsächlich zu: Betroffene sind mit einer Situation so unzufrieden, dass sie zu außergewöhnlichen Mitteln greifen, und diesebislang auch durchziehen. In Österreich geht das selten über eine einzelne Demonstration hinaus. Die Art und Weise wie die StudentInnen sich selbst organisieren, und in einem scheinbaren Chaos trotzdem produktiv bleiben, ist tatsächlich eine Lehrstudie für Demokratie. Besonders schön zeigt sich das find ich auch an Hand der Tatsache, dass diese Aktion nicht zuletzt auch als Kritik an ÖH und Univertretern zu verstehen ist, die erst spät undteilweise zögerlich aufden Zug aufgesprungen sind. Offensichtlich haben es diese offiziellen Vertretungen nicht geschafft die Anliegen der StudentInnen, die ja keineswegs neu sind, in den letzten Jahren in einem ausreichenden Maß zu vertreten und durchzusetzen. Irgendwann ist dann das Maß der Unzufriedenheit überschritten, und die Betroffenen greifen eben selbst zu Aktionen, nehmen das Ruder selbst in die Hand, stellen sich selbst auf die Hinterbeine. Genau das ist es, was ich mir in anderen Bereichen so oft wünschen würde: Wann ist es beispielsweise bei den Lehrern soweit, dass sie ihre eigene Gewerkschaft links liegen lassen, und in Sachen Bildung wieder die Initiative ergreifen?

2. Hat sich in den letzten Jahren in Österreich leider eine bestimmte Taktik in Sachen politischer Unzufriedenheit etabliert: Einfach mal nichts tun. Einfach mal ignorieren, durchtauchen,und hoffen dass so bald wie möglich alles wieder ruhig ist, und die Unzufriedenheit von alleineverstummt ist. “Hände falten, Goschen halten” ist inzwischen nicht nur in ÖVP Kreisen ein beliebtes Mittel der Wahl. Darum halte ich es auch in diesem Fall für untragbar zu sagen, diese Studenten und Studentinnen, diese Menschen die mit einer bestimmten Sache unzufrieden sind, sind keine legitimierten Vertreter, deswegen verhandeln wir nicht mit ihnen. Ich sage das Gegenteil sollte der Fall sein: Von je weiter “unten” eine solche Aktion getragen wird, aufdesto demokratischeren Beinen steht sie. Egal ob es sich scheinbar “nur” um brennende Unis in Wien, um brennende Mülleimer in Paris, oder um brennende Straßen in Teheran handelt: Diese Dinge müssen in einer gesunden Demokratie ernst genommen werden. Da führt kein Weg daran vorbei. Schon garnicht es einfach zu ignorieren und lächerlich zu machen. Darum: Je länger die Studenten aushalten und nicht von ihrem Weg abweichen, desto besser.

3. Ist diese Geschichte auch eine der ersten und wenigen der letzten Jahre, die sich tatsächlich auch EU weit ausbreitet. Das finde ich schön. Denn ein EU-weites Problem, ein Problem von dem inzwischen jeder weiß, dass es nur im europäischen Kontext gelöst werden kann, muss auch auf europäischer Ebene diskutiert und angeprangert werden. Die internationalen StudentInnen haben das auf beeindruckende Weise geschafft: Das ist auf der einen Seite Solidarität, auf der anderen Seite das Ansprechen von ähnlichen Problemen. Das eine solche Bewegung ausgerechnet in Wien ihren Ursprung nimmt, im Demokratie-Entwicklungsland Österreich, halte ich selbst jetzt noch für absolut unglaublich.

Darum brennt auch mein Button, als Zeichen meiner Unterstützung.

PS.: und ja ich weiß, ich hab schon lange nicht mehr gebloggt. War in den Sommermonaten lange nicht da, werd mich jetzt wieder bessern.

2 Kommentare zu

“Button brennt”

  1. 20. November 2009 um 09:02 Martin Schimak

    Hätte auch gern so einen Button.

  2. 25. November 2009 um 19:24 Armin Soyka

    Hättest zu meinem Hearing kommen müssen. Gibts aber auch noch im Audimax (und den meisten anderen besetzten Hörsälen). Ich hab auch immer welche dabei. Also falls du mich mal siehst irgendwo, einfach ansprechen =D