Das Gesicht Europas

Geschrieben von schimi am 27. November 2009 | Medien

Mit ein bisschen Verwunderung nehme ich in den letzten Tagen die mediale Berichterstattung über die neuen Führungsfiguren der EU wahr: Ratspräsident Herman Van Rompuy und die Hohe Repräsentantin für Außenpolitik Catherine Ashton ernten durch die Bank nur Ablehnung, Spott und Hohn. Aber weshalb?

Prinzipiell wäre es ja ganz normal und durchaus zu erwarten, dass eine solch wichtige, und durch die große Anzahl der Mitgliedsstaaten nochmal verkomplizierte Entscheidung, nicht nur auf Zustimmung stoßen wird. Gerade von den jeweils “anderen” politischen Lagern wären Kritik und Unzufriedenheit durchaus zu erwarten gewesen. Wir alle sind doch gebrannte Kinder, in dieser Art des politischen Spiels. In diesem Fall scheint die Lage aber auffallend anders zu sein: Denn gerade von politischer Seite hört man auffallend wenig Kritik. Tatsächlich scheint es so zu sein, dass mit der vorliegenden Entscheidung  vor allem eines tatsächlich erreicht wurde: Einen Konsens zu finden, der sowohl alle politischen Lager, als auch alle Mitgliedstaaten zufriedenstellt. Eine Lösung, die nicht nur die wichtige und oft ersehnte Einigkeit in Europa herstellt, sondern die vor allem auch auf ausreichend soliden Beinen steht, um sich nicht täglich mit sich selbst beschäftigen zu müssen, sondern Europas Politik voranzutreiben. Nun kann man natürlich auch einen solchen Konsens kritisieren: Nicht immer ist der Mittelweg auch unbedingt der Beste. Manchmal könnten auch mutigere und ausgefallenere Entscheidungen zu besseren Ergebnissen führen. Doch schießen die Medien mit dieser einseitigen Kritik nicht ein wenig übers Ziel hinaus?

Mein Eindruck ist tatsächlich folgender: Die mediale Kritik richtet sich nicht nach politischen Standpunkten, sie richtet sich ausschließlich nach Äußerlichkeiten: Van Rompuy ist ein Langweiler. Ashton ist ein Nobody. Oder noch schlimmer: Sie haben beide kein Charisma. Sind beide keine Schönheiten. Sind beide kein “Gesicht” der EU. Kann das wirklich das einzige sein, worum es geht?  Tatsächlich ist mir noch kein einziges wirklich stichhaltiges, inhaltliches Argument gegen Van Rompuy oder Ashton untergekommen. Und selbst wenn es diese gibt (wovon ich durchaus auch ausgehe), wie kann das in irgendeinem passenden Verhältnis zu der Welle an Kritik stehen?

Zweifelsohne: Wer hätte sich nicht einen allseits beliebten Superstar an der Spitze der EU gewünscht? Natürlich sind auch Charisma und Ausstrahlung wichtige politische Eigenschaften, die gerade auf zwei Positionen, die Europa auch nach außen hin vertreten sollen, durchaus wünschenswert wären. Doch so ehrlich muss man auch sein: Was wären denn die Alternativen gewesen? Europa hat schlicht und ergreifend derzeit einfach kein Wunderkind parat, keinen Obama, der politisches Verständnis und eine Überdosis Charisma in sich vereint. Wer hätte gerne ernsthaft eine schillernde Figur wie Berlusconi und Co. an der Spitze Europas gesehen? Und haben sich nicht auch Politikerinnen wie Angela Merkel denselben Vorwurf gefallen lassen müssen, ehe sie sich als wichtige Player in der internationalen Politik einen Namen gemacht haben? In der gesamten, wochenlangen Diskussion über die zu vergebenden Posten, wurde letzten Endes nur ein einziger Name genannt, ein Name für zwei Posten, der tatsächlich so etwas wie ein Politstar gewesen wäre: Tony Blair. Nun darf man durchaus der Meinung sein, dass sich Blair besser geeignet hätte, zumindest einen der beiden Posten zu übernehmen. Aber dass es dann nicht wiederum jede Menge Kritik gehagelt hätte, dann nicht nur von den Medien, sondern auch von politischer Seite, ist wohl unbestritten. Einen Mann als Gesicht Europas zu nominieren, der vor allem in der Außenwahrnehmung Europas genau für jene Themen der letzten 10 Jahre steht, die auch Europa selbst tief gespalten haben, und der in vielen Teilen der Welt überhaupt als Feindbild gilt, wäre das das richtige Signal gewesen? Darum frage ich mich ernsthaft: Wenn die Medien nun tatsächlich so enttäuscht von dieser Entscheidung sind, was waren denn dann ihre Erwartungen im Vorfeld? Was wären die Alternativen gewesen? Warum werden da auch von Medienseite keine Namen genannt?

Vielleicht liegt es ja daran, dass die Medien nur zu gerne eines der Hauptprobleme der EU immer weiter fortsetzen: das nationalstaatliche Denken: Österreichs Medien beschweren sich, dass es nicht Gusenbauer oder Schüssel geworden sind, so wie sich alle anderen Länder beschweren, dass es nicht ihre Kandidaten geworden sind. Nur wer bitte in Europa, hätte die Namen Schüssel und Gusenbauer gekannt? Vermutlich weniger als Van Rompuy und Ashton. Heute zu Mittag wurden die Namen der neuen EU-Kommissare verkündet. Da sind wir es schon gewohnt, dass wir die Namen nicht unbedingt schon im Vorhinein kennen. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie schlecht oder gut sind. Es ist nur ein Ausdruck für die Tatsache, dass Europa ein Konglomerat aus verschiedenen Staaten, Sprachen, Parteien und Menschen ist, dass noch sehr stark zusammenwachsen muss.

Die Angst, dass Europa nun ein uninteressanteres Gesicht hat als “die anderen”, die teile ich einfach nicht. Okay, es gibt vielleicht genau einen, mit dem wir nicht mithalten können. Aber Chinas Staatschef? Russlands Staatschef? Was für ein Match soll das bitte sein, wer den charismatischeren Vertreter hat? Im Gegenteil: Ich glaube sogar, dass es Europa sehr gut tun könnte, ein eigenständiges Profil zu entwickeln: Keinen Staatschef, der in Militäruniform auftreten muss, keinen, der sich gerne in Cowboymanier zu Pferd ablichten lässt. Sondern ein von mir aus auch langweiliges, aber dafür sachliches, ruhiges, überlegtes Gesicht. Kein Superstar, aber ein verlässlicher Partner und intelligenter Gesprächspartner auf dem internationalen Bankett. Das sollte und könnte Europa sein. Das sollte und könnte daher auch unser eigenes, europäisches Gesicht sein.  Ob das van Rompuy und Ashton verkörpern werden weiß ich nicht. Ich weiß auch zu wenig über sie, um hier nur positiv wirken zu können. Sie von Haus aus abzulehnen halte ich aber für falsch.

Seit Jahren weiß man, dass die EU vor allem an ihrem negativen Image unter ihren eigenen Bürgern leidet. Darum wäre es – nicht nur-  aber auch Aufgabe der Medien, dieses Image zu verbessern. Das dies nun, gerade in einer Zeit in der sich auf europäischer Ebene tatsächlich wieder Dinge verändern und weiterentwickeln, auf so eklatante Art und Weise nicht geschieht, sondern ausschließlich negativ berichtet wird, halte ich wirklich für erstaunlich. Ich würde mir erwarten, dass man mir erklärt wer van Rompuy und Ashton wirklich sind, und mir nicht nur ihre Fotos zeigt.

3 Kommentare zu

“Das Gesicht Europas”

  1. 27. November 2009 um 16:59 Martin Schimak

    Heute kann ich Dir ausnahmsweise nicht zustimmen, deshalb gibt es einen Kommentar:

    1. Es ist mE faktisch falsch, dass nur Blair im Spiel war. Es gab jede Menge Kandidaten, die sich zumindest unter Politikinteressierten bereits einen Namen gemacht haben. Juncker und Steinmeier fallen mir jetzt gerade spontan ein, aber da waren noch einige mehr. Und als Barroso vor einigen Jahren ernannt wurde war es doch dasselbe: es gab jede Menge hochkarätige Kandidaten, geworden ist es einer, den man noch kaum kannte und potentiell auch nicht zutraute allzuviel eigenständiges politisches Profil zu entwickeln. Und so wars dann leider auch.

    Inoffizielles Qualifikationskriterium für die Top Jobs in Europa ist es die Ausstrahlung eines Buchhalters zu haben.

    2. Gerade *weil* es in Europa aufgrund der Nationen und Sprachen so schwer ist übernationale Stars zu haben, die Identifikationspotential bieten muss man auf diejenigen setzen, die man hat. Natürlich heisst das nicht, dass unbekannte Leute schlecht sein müssen. Aber der Prozess hat das gegenteilige Problem aufgezeigt: wer sich bereits einen Namen gemacht hat, bereits Profil entwickelt hat, der hat dort keine Chance mehr, eben weil er durch seine Aktivität bereits Feinde hat und noch viel wichtiger: weil von vorneherein klar ist, dass die EU in der Bevölkerung als eigenständige politische Identität wahrgenommen werden könnte. Das will man wenns darauf ankommt verhindern.

    Und gerade insofern gewinnt hier das “nationalstaatliche Denken”: nur ja keine Stars, die mich selbst überstrahlen könnten.

    Das alles heisst nicht, dass Van Rompuy und Ashton schlecht sind. Aber es heisst, dass alle von denen man schon weiss, dass sie gut sind oder gar Charisma haben von vorneherein keine Chance haben. Das wurde – zurecht – kritisiert.

  2. 30. November 2009 um 18:18 schimi

    Hi, danke für deinen Kommentar! Ich tu mir nur insofern ein bisschen schwer damit, weil es ja in meinem Text nicht um eine Kritik (weder positive noch negative) an der politischen Entscheidung geht, sondern um eine Kritik an der Berichterstattung darüber. Und in diesem Sinn machst du finde ich ein wenig dasselbe, was ich den Medien ankreide: Eine Art Unzufriedenheit mit der Gesamtsituation (die ich durchaus nachvollziehbar finde), aber keine konkreten Namen wer denn nun besser gewesen wäre und vor allem WARUM (auch wenn ich das von dir hier jetzt natürlich nicht unbedingt verlangen würde, von den Medien aber schon).
    Insofern zu deinem 1. Punkt: Hab mich vielleicht ein bisschen missverständlich ausgedrückt, meinte natürlich nicht, dass Blair überhaupt der einzige Kandidat war, sondern der einzige Kandidat mit einer Art internationalem Starprofil. Juncker wäre sicher ein interessanter Kandidat gewesen, nur bezweifle ich, dass Luxemburgs Regierungschef vor allem ausserhalb Europas wirklich sehr viel bekannter ist, als jener von Belgien, das spielt für mich ungefähr in derselben Liga. Aber wenn er derjenige wäre, den sich die Medien gewünscht hätten, dann müssten sie das jetzt sagen und argumentieren. Was Steinmeier betrifft, muss ich zugeben habe ich über ihn nie etwas als ernsthaften Kandidaten gelesen, weil ich eigentlich dachte, Merkel und Sarkozy hatten sich schon sehr frühzeitig im Prozess darauf geeinigt, keinen deutschen oder französischen Kandidaten zu nehmen.
    Zum Punkt 2: Dass die EU auf die wenigen setzen müsste, die man hat, da stimmte ich dir voll und ganz zu. Nur eben wieder: Wer genau sind denn diese wenigen und warum? Das müsste in den Medien gesagt werden. Und am Besten nicht nur im Nachhinein, sondern schon vorher. Wenn die internationalen Medien (nicht nur die jeweils nationalen) zum Beispiel wirklich Steinmeier so gut gefunden hätten, warum dann nicht Stimmung machen, Druck erhöhen?
    Oder um beim Beispiel Juncker zu bleiben: Ich stimme dir zu, auch ich kann mir gut vorstellen, dass Juncker die interessantere und darum bessere Entscheidung gewesen wäre. Nur das müsste in den Medien entsprechend argumentiert werden! Was für mich persönlich eben garnicht geht (aber vielleicht bin ich da allein), sind Argumente wie “Ausstrahlung eine Buchhalters”. Das sagt mir einfach nicht das, was ich wissen will. Daher erwarte ich mir von den Medien: Entweder konkrete Namen nennen und diese begründen, oder aber mit der Entscheidung leben und diese Neuen besser vorstellen, eben genau im Sinne von “Profil schärfen”, “Idendifikationspotenzial herstellen”, “Bekanntheit schaffen”. Nur bitte nicht ausschließlich über Aussehen, Anzugfarbe und Größe des Herkunftslandes berichten, und sich dann die nächsten fünf Jahre wundern, dass die Menschen so wenig über die EU wissen und sich nicht mit ihrer Politik identifizieren können.

  3. 1. Dezember 2009 um 09:57 Martin Schimak

    Hi,

    Es geht mir nicht um Aussehen und Anzugfarbe. Es geht auch nicht darum jemand, der noch wenig Gelegenheit hatte sich zu profilieren, die Ausstrahlung eines Buchhalters zu attestieren. Da liegt glaub vielleicht noch ein gewisses Missverständnis vor.

    Van Rompuy und Ashton können und werden sich profilieren.

    Das was ich kritisiere ist, dass man nicht nur durch diese Bestellung, sondern auch durch vorangegangene (besonders gut ist mir die der Auswahl von Barroso vorangegangene Debatte) klar geworden ist, dass internationales Profil, Erfahrung und Bekanntheitsgrad anscheinend NEGATIV in die Waagschale fallen. Oder eben pointiert ausgedrückt: die SUCHEN vorsätzlich nach Profil, Erfahrung und Bekanntheitsgrad eines Buchhalters. :-) Auch wenn sie sich dann vielleicht täuschen und die bislang graue Maus sich als im Sinn Europas ausgezeichnete Wahl entpuppt (aber eben nicht im Sinn der nach möglichst grauen Mäusen suchenden Staatschefs…)

    Darum gings mir zumindest. Weiss ja nicht auf welche Medienberichte Du anspielst.

    PS: Du brauchst dringend das Notify per eMail PlugIn. Ohne gehts Nachverfolgen für viele User (wie mich) gar nicht… Kommentare RSS ist nicht so praktisch…